Notburgasage

 

Notburgasage

Einst in altersgrauer Vorzeit, als das Kreuz des Erlösers noch nicht die Götzentempel Odins gestürzt hatte, regierte Dagobert (ca. 600 n.Chr.)der Frankenkönig auf seiner

Burg Hornberg am Neckar. Erlag damals in Fehde mit dem heidnischen Wendenfürsten Samo, welcher die Grenzen des Frankenreiches fort und fort bedrohte und bedrängte. Während er auf dem hoch- und schöngelegenen Hornberg weilt, sendet er seine Boten aus und bietet dem Heidenfürsten Frieden an.

Er hatte ein gar frommes und züchtiges Töchterlein, Notburga genannt. Die Kunde von deren Schönheit war bis in das Wendenland zu den Ohren Samos gekommen. Da entbrannte das Herz des Heidenkönigs für die junge fränkische Königstochter. Er machte sich mit einem Wendenritter gen Hornberg auf den Weg, um von Dagobert die Hand seiner Tochter als Friedenspreis zu fordern. Da entsandte Dagobert, der sein Vorhaben vernommen, einen seiner vornehmsten Frankenritter, den Wendenfürsten an den Grenzen seines Reichs willkommen zu heißen und bis gen Hornberg zu geleiten. Als dieser der Burg naht, macht sich alles auf, des Königs Eidam am Burgtore zu empfangen.

Nur Notburga, die zarte, jungfräuliche Tochter, bleibt weinend und betend zurück in ihrem Kämmerlein; denn ihr christlich frommes Herz sträubt sich gegen die erzwungene Verbindung mit dem heidnischen Bräutigam.

Dagobert, ergrimmt über seine Tochter, schickt einen Ritter in ihre Kammer und lässt diejenige holen, welche ja den Mittelpunkt des heutigen Festes bilden soll. Er ergreift sie am Arm und will sie gewaltsam dem soeben angekommenen Freier zu führen. Notburga aber, die fromme Christin, sinkt betend und bittend in die Knie.

Samo tritt vor sie hin und buhlt mit schönen und schmeichelnden Worten um ihre Gunst. Sie aber mit mutiger Entschlossenheit weist seine Hand entschieden zurück und spricht, zu ihrem Vater gewandt, das ernste Wort: Du, o Vater, gabst mir das Leben, so nimm es wiederum hin, wenn es zum Frieden Deines Reiches nötig erscheint. Nie und nimmer aber werde ich meinen Glauben verleugnen und mein Glück in die Hände eines Heiden legen. „Geh nun wieder zurück in deine Kammer“ spricht Dagobert, voll Zorns über solche dreiste Widerspenstigkeit, „dort werde ich dich zur rechten Zeit als Königin des Festes holen lassen“.

Weinend kehrt Notburga zurück in ihr einsames Kämmerlein. Von ihrem Erkerfenster aus blickt sie tränenden Auges hinauf zu ihrem Gott und in des Neckars schnell vorübereilende Wellen. Das wilde Lärmen der Samo zu Ehren gegebenen Feste und Jagden tönt umsonst an ihr Ohr. Wie hätte sich auch ihr frommes Herz dem heidnischen Festesjubel erschließen können, das ja von der heißesten Liebe zu dem Erlöser glühte?

Da trat einst Samo mit dem Frankenritter, der ihn hierher geleitet hatte, in Notgurgens stilles Gemach. Sie lag eben auf ihren Knien vor dem Kreuze und betete inbrünstig zu ihrem Gott und merkte von der Gegenwart ihrer Verfolger nichts. Selbst das harte und kalte Herz des rohen Lüstlings wird gerührt durch den Anblick der betenden Jungfrau.

Endlich wagt er es, seine Liebeswerbungen vorzubringen und sie um Gegenliebe zu bitten. Da wendet  sich Notburga nach ihm und entgegnete mit eisigem Ernste und unerschrockenem Mute: „Ich habe mit dem Himmel zu reden und nicht mit Euch; drum entfernt Euch von hier und lasst die Betende allein“.

Da ergreift den frechen Eindringling wilde Zorneswut. Er spottet ihres Gebetes und spricht ihrem Glauben Hohn. Notburga, ahnend, was ihr bevorsteht, richtet die Blicke gen Himmel. Doch nicht länger kann jetzt Samo seinen Grimm im Zaune halten; mit seiner Rechten schwingt er sein Schwert, ergreift mit der Linken die Haarlocken der Jungfrau und will sie mit Gewalt fortreißen.

Da erbarmt sich das Herz des Frankenritters über die unschuldig Bedrängte. Er zieht sein Schwert und wirft sich zwischen die Betende und den Wendenfürsten und bedroht den Letzteren ernstlich, sich nicht an der Jungfrau zu vergreifen. Samo, sonst nicht des Nachgebens gewohnt, lässt erschrocken von ihr ab, doch bedroht er sie beim Abschied, er werde bei seiner Wiederkehr nicht so friedlich von dannen gehn. Aus den Blicken des Frankenritters dagegen spricht inniges Erbarmen mit der frommen Beterin.

Als Notburga wieder allein in ihrem Kämmerlein war und vom Gebet aufstund, siehe, da hört sie die Stimme des Engels: „ Entfliehe, Notburga! “ Ohne zu Zögern eilt sie hinaus in die düstere Nacht.  Durch eine kleine, unbewachte Pforte über schroffe Klippen, durch Dornen und Gebüsche tragen ihre Füße sie an des Flusses Strand.

Hier ermattet ihre Kraft und sie sinkt erschöpft nieder an dem Ufer des Neckars. Darauscht es hinter ihrem Rücken und, als sie umschaut, steht vor ihr die Hirschkuh, die sie längst gepflegt und von Kind auf lieb gewonnen hatte. Auch im Unglück will das treue Tier seine Herrin nicht verlassen. Besonders zutraulich schmiegt es sich diesmal an die Seite der Jungfrau.

In ihrer Not erblickt in diesem treuen Tier eine tröstende Botin des Himmels. Da lässt es sich vor ihr auf die

Knie nieder, blökend nach der steilen Felsenwand des jenseitigen Ufers und nach dem Strome sehend, als wollte es sagen: „Dort drüben ist für dich Zuflucht in der Not, vertraue mir, ich will dich hinübertragen.“

Sie folgt dem Winke des Himmels und setzt sich auf des Tieres Rücken. Schnell erhebt es sich und eilt mit seiner süßen Last dem Strome zu. Wie auf einem sanft hingleitenden Nachen schwebt si

e über den Neckar und bald erreichen beide das jenseitige Ufer. Durch das dichteste Gebüsch hindurch bricht sich das Tier mit ihr Bahn und zeigt ihr endlich in dem Felsen eine sichere Höhle.

Notburga Höhle

Notburga Höhle

Nun schwimmt die Hirschkuh ans jenseitige Ufer zurück. Notburga aber dankt auf den Knien ihrem Gott, der sie so wunderbar gerettet.

Mit den ersten Sonnenstrahlen kommt die Hindin wieder zurück zu ihrer Herrin und bringt ihr Brot an ihren Hörnern. Die Quelle, die in der Grotte sprudelt stillt ihren Durst und alle Morgen und alle Abend erschien das treue Tier, ihr Speise zu bringen, die es in der Schlossküche fand. Lange lebte hier die Jungfrau in abgeschiedener Stille.

Indes durchstreifte der Vater samt allen seinen Gästen und vor allem dem Wendenfürsten das Neckartal mit Hörnerklang und Hundegebell, die Verlorene zu suchen. Dagobert bot dem, der die Verlorene in seine Arme zurückführen würde, den höchsten Preis, und doch fand niemand eine Spur der Gesuchten.

Doch bald sollte für Notburga eine schwere Prüfungsstunde schlagen. Der Küchenmeister bemerkte längst, dass ihm bald von dieser, bald von jener Speise etwas abhanden kam, ohne dass ihm bisher gelungen war, dem Täter auf die Spur zu kommen. Da verbarg er sich einstmals in einem dunklen Winkel der Küche.

Es dauerte nicht lange, so kam die Hindin herein und nahm von den bereit stehenden Speisen in ihre Hörner. Der Küchenmeister folgt ihr und sieht es mit Staunen, wie sie mit dem Raube den Berge hinab springt, sich in den Strom stürzt und an dem jenseitigen Ufer im Gebüsche verliert.

Also bald meldete der Küchenmeister seinem Meister den seltsamen Vorfall und augenblicklich tauchte in diesem der Gedanke auf, die Hindin könnte vielleicht des Mägdleins Spur anzeigen. Dagobert eilt schnell mit vielen Begleitern hinab zu den Ufern des Flusses und bald wimmelte der Neckar mit Kähnen, an der Spitze Dagobert mit seinem Küchenmeister.

An dem jenseitigen Ufer angelangt sucht der König unbemerkt den Weg durch das dichte Gebüsch. Da hält er auf einmal vor einer Felsenhöhle stille und sein Auge erblickt Notburga auf den Knien liegend und Gott für seine Gaben dankend.

Auch in der Brust des hartherzigen Vaters weckte dieser Anblick mildere Gefühle. Er ruft mit bittender Stimme: „Notburga, liebes Herzenskind, sei meine Tochter, wie zuvor. Folge mir wieder in meine Burg und niemand soll dich fürderhin zwingen.“ Entsetzt über den plötzlichen Anblick des Vaters fährt die Betende empor. Doch etwas milder sah er jetzt aus und Notburga hofft darum von ihm die Gewährung ihrer Bitte zu erhalten. „Lass mich,“ entgegnete sie, „lass mich an diesem stillen Ort, wo ich dem Herrn leben möchte, da ich längst der Welt schon gestorben bin.“

Da ergrimmte der Vater über solche Widersetzlichkeit und mit starker Faust ergreift er die Widerstrebende. Doch siehe! der Jungfrau Arm löst sich vom Leibe und nur ihn hält er in Händen und bewusstlos sinkt die Unglückliche nieder, während der erzürnte Vater spricht: „Du bist gestraft für deinen Ungehorsam, drum bleibe hier, ob tot oder lebendig.“

Stummes Entsetzen befällt Dagobert und seine Genossen, mit schreckensbleichen Mienen fliehen sie zurück und keiner von ihnen wagt es, der Höhle wieder zu nahen, in der sie Notburga blutend liegen gesehen und hilflos verlassen.

Noch lange lag Notburga bewusstlos am Boden. Endlich kehrt ihre Besinnung zurück. Da hört sie neben sich ein Rauschen und gewahrt mit Schrecken eine Schlange, die sich ihr nähert. Sie schaut näher zu und sieht wie die Schlange, mit der Krone auf dem Haupte, ein Kräutlein im Munde trägt und nach der Wunde hinblickt.

Notburga, des Herrn Wink verstehend, nimmt das Kräutlein aus der Schlange Mund und legt es auf die Wunde. Schnell heilte sie und die Jungfrau tritt an des Felsens Pforte, sinkt zum Gebete nieder und lobt Gott mit lauter Stimme, also dass es über Strom und Tal ertönt. Die Schlange blickt freudig zu ihr auf und auch die Hindin lockt der Gesang der Jungfrau herbei.

Doch Dagobert weilt nicht mehr auf der Burg. Graus und Schrecken und Qualen des Gewissens trieben ihn von dannen und nur der alte Burgvogt hatte noch viel zu erzählen von dem Schrecklichen, das seinem Herrn begegnet war. Im Tal und auf den Bergen ward aber bald die Kunde laut von Dagoberts frommen Töchterlein und was sich mit ihm zugetragen.

Das Volk, noch dem Götzendienst ergeben, kam bald in großen Scharen zu Notburgens einsamer Höhle und sah das himmlische Wunder. Gläubig öffnet es sein Herz der wahren Lehre und die Taufe macht alle zu Christen. Die einsame Grotte Notburgens aber wurde allmählich ein berühmter Wallfahrtsort.

Die Heilige führte das Volk nicht nur zum Seelenheil, sondern suchte auch seine Sitten zu mildern, lehrte es Kunst und Wissen des Frankenlandes, die Erde anzubauen und die Berge mit Reben zu bepflanzen.

Noch lange lebte Notburga in ihrer Grotte, fortwährend wohltätig wirkend. Eines Tages aber, als im Herbst die Blätter fielen, da kam auch Notburga zu sterben. Noch einmal sprach sie zu dem Volke, das sie anbetend umgab: „Auch für mich ist jetzt die Erntezeit gekommen, daher vernehmet meinen letzten Willen: Nach meinem Tode legt meine entseelte Hülle aus einen Wagen mit zwei Stieren bespannt, die noch kein Joch getragen haben, und lasst diese, ohne Leitung, ihren Weg suchen. Der Ort, wo sie Halt machen, sei dann der meines Grabes und darüber sollt ihr ein Kirchlein bauen zum Gedächtnis der Wunder, die der Herr an mir getan.“

Da schwebten die Engel ui ihr herab, hüllten die Leiche in ein königliches Gewand und setzten ihr eine Königskrone auf das Haupt und stellten den Sarg auf einen neuen Wagen, der mit zwei schönen weißen Stieren bespannt war und langsam bewegte sich der Zug des weinenden Volkes mit der teueren Toten an dem Ufer des Stromes entlang. Die Engel sangen ihre himmlischen Chöre dazu und die Glocken der umliegenden Kirchen fingen von selbst an zu läuten und frische blühende Rosen bedeckten auf einmal den Sarg.

Siehe, da halten die Stiere still und wo sie anhielten, ward der Leichnam der Heiligen zur Erde bestattet und über ihrem Grab die Kirche von Hochhausen erbaut.

Aktuelle Artikel

Herzlich willkommen…

Notburga Grab
Grabplatte der Notburga

 

…in der Notburgakirche. Die „Notburgakirche“, gilt aus Sicht des Denkmalschutzes als Musterbeispiel eines von adeligen Grundherren hochwertig ausgestatteten Sakralbaus aus dem Spätmittelalter. Sie diente im 13. und 14. Jahrhundert als Grablege der Grundherren Horneck von Hornberg, von denen die vielfarbig gefassten Grabdenkmale des 14. bis 17. Jahrhunderts stammen.

Aktuell

Zum Tage des Offenen Denkmals am 10. September um 15 Uhr in der Notburgakirche wird der Förderverein die neue Broschüre vorstellen, die die Kirche mit ihren Schätzen für die Besucher erklärt.